Vernissage Ioana Luca im Sozialgericht Düsseldorf 10. April 2008
Sehr verehrte Damen und Herren,
Primavara – das goldene Licht, Primavara – der Frühling. Der ewige Frühling der Malerei, der Frühling Rumäniens bedingt durch den Eintritt in die EU, das goldene Licht in der Malerei Ioana Lucas.
Ioana Luca kommt aus Iasi, der drittgrößten Stadt Rumäniens. Diese Stadt liegt 20 km westlich der Grenze zu Moldawien und 400 km von Bukarest entfernt. In dieser Stadt wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts die erste Universität Rumäniens gegründet. Iasi gilt als kulturelle Hauptstadt Rumäniens mit vier Museen, darunter der größten Kunstsammlung des Landes. Hier ist Ioana Luca aufgewachsen und hier hat sie Orthodoxe Theologie und Freie Kunst an der Universität Al. I. Cuza studiert.
Seit 2003 lebt und arbeitet Luca in Düsseldorf. Ausstellungsaktivitäten kann man der Einladung entnehmen. Bemerkenswert finde ich, dass sie mit 29 Jahren bereits in das Standardwerk Kürschners Handbuch der Bildenden Künstler des K.G. Saur Verlags aufgenommen wurde. Ihre Arbeiten sind vertreten in kleinen Sammlungen in Deutschland, der Schweiz und in England.
Primavara – der Frühling, der Individualismus, die moderne Kunst, die Entfaltung, Rumänien ist im Frühling, in der europäischen Gemeinschaft, zu der es gehört und im Grunde immer gehört hat. Rumänien ist nicht nur politisch im Frühling, sondern auch in der freien Kunst. Ioana Luca hat das goldene Licht der Ikonenmalerei in die Malerei der Gegenwart gebracht. Als Maler empfinde ich eine Überraschung, was den Umgang mit Materialien und eine Verblüffung, was formale Lösungen in Ioana Lucas Arbeit betrifft. Aber ich denke, dass das goldene Licht noch weit mehr symbolisiert und transportiert: es bezeichnet eine Spiritualität, eine Brücke zwischen versunkenen Welten und dem Jetzt, es beschreibt eine Welt, die nicht nur beleuchtet, sondern erleuchtet sein könnte. Das Licht der Impressionisten war weiß und blau, der Frühling war das grüne Echo, um einen deutschen Dichter zu zitieren, in dem deutschen Impressionismus, das Licht der Expressionisten schwarz, rot und weiß, das Licht der neuen Malerei Rumäniens könnte Gold sein. Ioana Lucas Licht in der Malerei zumindest ist Gold. Es ist puristisch, leise, zart und dadurch umso strahlender.
Ioana Luca ist ein gespaltener Mensch, so wie es der moderne Mensch generell ist. Sie gehört der MTV-Generation an und hat doch wie viele rumänische Intellektuelle Generationen zuvor Orthodoxe Theologie studiert, und sie hat Malerei studiert, allerdings unter vollkommender Ausblendung der Moderne.
MTV- Generation, da werden Sie sich sicher fragen, wie das denn. Das bedarf auch in der Tat einer Erklärung.
Ioana Luca war 14, als der Kommunismus ihres Landes zusammenbrach und die zunächst zugelassene, wenig später untersagte Ausstrahlung der Hinrichtung Ceausescus, wie man dieses wirklich unwürdige Ereignis bezeichnen muss, übergangslos abgelöst wurde von neuen TV- Sendern, MTV, Werbeclips, alles neu. Ein konservatives, ein gläubiges, ein lange unterdrücktes Volk wird über Nacht in die Welt des Entertainments, der Dauerwerbung und der Shows aufgenommen. Denn das Fernsehen erreicht die Menschen stets schneller als Literatur und Bildende Kunst. Daher bezeichne ich Ioana Luca auch als zur MTV- Generation gehörig.
Sie fühlte sich früh, weit vor ihrem Studium zur Ikonenmalerei hingezogen, bedingt durch einige Besuche von Ateliers, nonnengeführt. Sie malte Ikonen und suchte doch schon nach künstlerischer Identität.
In Ländern, in denen Staatskunst individuelle künstlerische Aussagen unterdrückt, in denen der sogenannte sozialistische Realismus keinen künstlerischen Freiraum erlaubt, ist das Verständnis für Freie Kunst, selbst nach dem Ende der Diktatur, ein anderes als bei uns, denn das Verständnis und der Begriff Freie Kunst muss sich entwickeln, und diese Entwicklungen benötigen erfahrungsgemäß mehrere Jahrzehnte.
Um diesen Prozess der Auseinandersetzung und Entwicklung für ihre eigene Bildsprache zu beschleunigen, ist Ioana Luca nach Deutschland gekommen. Man muss sich als Künstler in einer solch besonders schwierigen Situation häufig von seiner geistigen und kulturellen und man kann sagen: von seiner sozialpolitischen Gewohnheit entfernen, um sich neu definieren zu können und um wieder in sich zu Hause sein zu können.
Man könnte noch vieles sagen über die Schwierigkeit Rumäniens mit der Moderne, was die Bildende Kunst angeht, hier geht es mir nur darum, aufzuzeigen, vor welchem Hintergrund sich Lucas künstlerischer Findungsprozess abgespielt hat.
Wir sprechen oft leichthin von dem Phänomen oder der Heftigkeit eines sogenannten Kulturschocks. Wir erleben ihn selbst manchmal als Touristen in Asien oder Südamerika, ich spreche hier aus eigener Erfahrung, was die Relativität des Begriffs Weltsprache der Malerei angeht.
Was Ioana Luca nach einem Akademierundgang hier in Düsseldorf erlebt hat, selbst, was sie in der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen, Pollock, Kricke, Graubner, Uecker, erlebt hat, das war für sie ein heftiger Kulturschock.
Umso bemerkenswerter finde ich, dass sie unbeirrbar ihren künstlerischen Weg verfolgt hat. Sich im Fremden und Neuen gefunden hat, ohne ihre Tradition zu verleugnen.
In Düsseldorf hat sie bewusst die Konfrontation mit den Strömungen und Impulsen der aktuellen Kunst gesucht. Sie hat sich stark mit Lüpertz, Immendorff und Nam June Paik auseinandergesetzt. Resultate hieraus sind unter anderem ihre Videoarbeiten wie “ When Things Get Back To Loneliness” und” Gold and Wings “, dokumentierte Performances und kleine Werkschauen.
Dieses Jahr die Videoarbeit Passion über die Musikerin Cynthia Tokaya.
In dieser Ausstellung präsentiert sie ausschließlich ihr malerisches Werk, solitäre Landschaften, weites Land, subtile Lichtbrechungen, großzügige formale Umsetzungen. Ein sehr zurückgenommenes Stillleben, abstrahierte, verschlüsselte Holzarbeiten.
Zwei sehr wichtige Arbeiten: neben der Arbeit Vara mit traditionellen Ornamenten in collageähnlichem Konstrukt: Janis Joplin, sowie Abschied- Klimt in seinem Garten befinden sich ebenfalls in dieser Ausstellung. Wichtig meines Erachtens deswegen, weil es äußerst schwierig ist, wegen unentwegter bildnerischer Vorführungen zu Klischees gewordene Persönlichkeiten der Musik und Kunstgeschichte individuell erneut vorzustellen und zu analysieren. Ich meine, es ist ihr gelungen, Joplins fast verschämte Preisgabe ihrer totalen Vereinzelung unter tosendem Applaus einer rauschhaften Zeit und berauschten Gesellschaft darzustellen ebenso wie Klimts sprachlose Melancholie in einem nahezu absurd in einer toten Landschaft blühenden Garten.
Ioana Lucas künstlerische Stärke ist die Sprache der leisen Andeutungen, nicht der großen Gesten. Eine Malerei der Stille.
Jeder Künstler kommt aus einer weitverzweigten Familie, zu Lucas Familie gehören unbedingt Frida Kahlo, Gustav Klimt, Egon Schiele und wie ich hinzufüge, was Ioana Luca womöglich nicht bewusst ist Morandi und was die rein figurative Malerei betrifft Balthus.
Primavara- es bedeutet auch Frühling, dass ein deutsches, das Düsseldorfer Sozialgericht mit großem Engagement Ausstellungen wie diese ermöglicht, eine Weltoffenheit widerspiegelt, die der Düsseldorfer Kunstakademie immer eigen war und ist, und Kunst präsentiert in der ihr eigenen Intention: der des Kommunikationsangebots und der Empathie, die Bedingung von allem Kunstschaffen , und die immer Bedingung für Auseinandersetzung mit Kunst ist.
Ich danke Ihnen für Ihre Geduld und wünsche uns allen eine schöne Vernissage.
Detlev Foth
März 2008






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